ORIENTIERUNGSHILFEN / 1998
SELBSTBESPIEGELUNG  Taschenspiegel bearbeitet, Kunststoffschatulle
Foto: Harald Reich
Körperbefragungen

Orientierungshilfen ist eine prozesshaft und komplex angelegte mehrstufige Arbeit, die die gängige Schmuckpraxis um grenzüberschreitende Strategien erweitert. Susanne Hammer dazu: "Vom Schmuck herkommend, habe ich mich ... intensiver mit der Beziehung, die Körper und Schmuckstück miteinander eingehen, auseinandergesetzt. Vom Schmuck zum Accessoire, also zum diversen sinnlosen und sinnvollen Zubehör, ist der Weg nicht weit, und mein Ansatz beschäftigt sich ... mit diesem Zubehör, den "Utensilien", die vielleicht in diesem Zusammenhang am ehesten in den Bereich der "Prothesen und Hilfsmittel" einzuordnen sind."

Die Orientierungshilfen bieten Hilfe gegen existenzielle Verunsicherung an. Hammer fertigte zunächst Ganzkörperfotos von Testpersonen an (deren aktive Mithilfe ein wichtiger Teil des Projektes war), "kartografierte" dann diese Porträts: Topografien der Körperterritorien wurden erstellt, persönliche Merkmale wie Narben, Muttermale oder sonstige physiognomische Eigentümlichkeiten vermessen und markiert. Im Zuge dieses "mappings" entstanden zehn "Körperporträts". In der nächsten Phase – die letzte ist immer eine Dokumentation des Gesamtverlaufs – produziert Hammer diverse Hilfsobjekte / Orientierungshilfen. Das sind spezielle Geräte, Kleidungsstücke, Schablonen, Prothesen: In einem Fall ein Miniaturmaßband, das sie zum Messen des Abstands zwischen den Brustwarzen vorschlägt; ein T-Shirt, das überall dort Löcher hat, wo der Körper Muttermale aufweist; oder eine Schablone in Form von Afrika, um den Umriss einer individuellen Brustbehaarung auf jedem beliebigen Spiegel überprüfen zu können; "ein Futteral aus Holz und Samt für ein oder zwei erhabene Muttermale am Unterarm. Dieses Objekt ist als Armreif zu tragen, wobei das eigentliche Schmuckstück die Körpermale sind, die durch das getragene Objekt geschützt werden." 

Die Orientierungshilfen sollen immer dann unterstützend eingreifen, wenn der Mensch sich Fragen stellt wie: Bin ich noch ich selbst oder nicht? Bin ich heute morgen noch derselbe, als der ich gestern Abend zu Bett gegangen bin? Theoretische Bezugspunkte sind hier zum Beispiel die so genannte "Spiegelphase" des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan und der Bestseller Oliver Sacks’ über einen totalen Ich-Verlust (Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte). Präzise auf die in den 1990er Jahren wichtig gewordenen Körperdiskurse bezogen, liefert Susanne Hammer mit ihren Orientierungshilfen eine Neudefinition der Bedeutung und Funktion von Schmuck, die beispielsweise auch Prothesen inkludiert (Assoziationen zu David Cronenbergs Film Crash, 1996, oder zum Thema Cyborgs drängen sich auf).

Angesichts einer zunehmenden Virtualisierung, auch der Körpererfahrung, ist Susanne Hammers Untersuchungsreihe Orientierungshilfen ein eindringliches Plädoyer für leibgebundene Formen der Selbsterfahrung und der Sinnlichkeit. (Désirée Schellerer)
20 Ways To Wear A Necklace
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SUSANNE HAMMER

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